Kurzgeschichte: Café Paradies

Es gibt in meinem Viertel ein Café, das scheinbar ausschließlich von Frauen besucht wird. Immer wenn ich daran vorbeikomme, sitzen draußen auf der Terrasse fast nur Frauen. Sie versammeln sich in Fünfergruppen oder sitzen zu zweit am Tisch und nippen an Rotweingläsern. Ich nenne es das Frauencafé “Paradies”, weil ich solche Ansammlung von hübschen Frauen mag und ich endlich den Ort gefunden zu haben glaube, an dem sich die Schönheiten meiner Stadt zusammenrotten, nur, um darauf zu warten, bis ich endlich vorbeikomme.

Ich komme natürlich täglich vorbei. Ich wäre ja blöd, wenn ich mir diese geballte Schönheit auf engstem Raum nicht täglich antun würde. Und es ist tatsächlich so, dass sich alle Blicke auf mich richten, wenn der Moment des Tages gekommen ist, an dem mich mein Weg am Paradies vorbeiführt. Anfangs machte mich das etwas unsicher. Ich schaute an meiner Kleidung herab, ob ich nicht wieder in Pantoffeln unterwegs war oder ob nicht irgendein Fleck auf dem T-Shirt den Ekel des persilversierten Geschlechts erregte. Aber da war nichts. Ich war gekämmt, rasiert und geduscht, wie man das eben so macht, wenn man zu heiligen Orten pilgert. Und doch, ich gebe zu, es sind selten freundliche Blicke, die sich auf mich heften. Vielmehr habe ich den Eindruck, als funkeln sie mich in einer Abwehrhaltung an, so, als wäre ich der Mörder von Alice Schwarzer. Sie reden weiter mit ihren Freundinnen und lassen sich durch mein Erscheinen nicht unterbrechen. Aber sie fixieren mich mit bewaffnetem Antlitz, so dass ich es nicht wage, stehen zu bleiben, weil ich befürchte, dann unbedingt und auf der Stelle getötet zu werden.

Es ist einzusehen, dass dies ein Zustand ist, der für mich nicht akzeptabel ist. Da kommt man nun schon mal an einem Ort vorbei, an dem eine weibliche Ästhetik vom Feinsten herrscht und dann geht diese überaus erfreuliche Konstellation mit Gefühlen einher, die wohl ausschließlich Menschen nachempfinden können, die knapp einer Hinrichtung entkommen sind.

Neulich engagierte ich eine Freundin, um mit ihr Hand in Hand an diesem Café vorbeizugehen. Ich versprach ihr dafür eine Portion meiner hausgemachten Penne arrabiata. Durch diese sehr kostbare Gegenleistung musste ich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich trotzdem den Anblick genieße, den die Evas dieser Welt mir stets bescheren. Und es war sehr erstaunlich. Plötzlich lächelten sie, unterbrachen das Gespräch mit ihren Freundinnen, verschluckten sich am Rotwein oder winkten mir sogar zu. Die Frau an meiner Seite ließ die Gefahr, die von mir auszugehen schien, im Keim ersticken und eine erfreuliche Entspanntheit machte mir den Genuss dieser holden Schönheiten noch genüsslicher. Ich überlege, ob ich demnächst noch einen draufsetzen sollte. Ich könnte meinen Kumpel Rolf engagieren und mit ihm Hand in Hand am Frauencafé “Paradies” vorbeigehen. Ob alle holden Schönheiten dann wohl meine Telefonnummer haben wollen würden, damit ich ihnen als Stilberater, Tröster oder Gesprächspartner bei delikaten femininen Themen zur Verfügung stehe? Ob sie dann wohl über mich herfallen würden, so, wie es ja auch sein sollte? 

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