News 10.08.2023: “Horst Kramp” jetzt auch als eBook

Seit heute kann “Horst Kramp” auch als eBook erworben werden.

ISBN: 9783757858049

Der E-Book-Ladenpreis (inkl. MwSt) ist: 9.99
EUR
Es gilt ein 8-wöchiger E-Book-Aktionspreis (inkl. MwSt) von 5.99 EUR
Laufzeit ab Aktionsstart: 8 Woche(n)

Der Vertrieb des E-Books erfolgt im Format epub.

Somit ist das eBook in den bekannten E-Book-Shops wie z. B. dem Amazon Kindle Shop, den Tolino Shops, Apple iBooks oder Google Play sowie in vielen anderen Online-Shops und bei über 2.000 Online-Buchhandlungen erhältlich.

Auch international ist das E-Book für Leserinnen und Leser verfügbar: über zahlreiche Händler in 30 europäischen Ländern, in den USA und Kanada über Apple iBooks und Kobo sowie viele Titel auch weltweit über den Amazon Kindle Shop.

Bitte beachten Sie, dass aufgrund unterschiedlicher Händlervorgaben und Sortimente nicht alle Titel überall erhältlich sind.

News 04.08.2023: “Horst Kramp” auf allen Kanälen

“Horst Kramp” ist jetzt auf allen Verkaufskanälen verfügbar. Sowohl im Shop des Verlages BoD.de als auch auf allen anderen Verkaufsplattformen für Bücher wie amazon.de oder buecher.de. Der Verlag hat die Buchdaten ebenfalls an die Kataloglisten des deutschen Buchhandels übermittelt, sodass das Buch nun auch in jeder stationären Buchhandlung bestellbar ist.

Kurzgeschichte: Ich habe geträumt, ich bin Brad Pitt

Nur noch mal für diejenigen, die nicht wissen, wer Brad Pitt ist. Es ist dies ein Teil des Schauspielerehepaares Brangelina. Er ist auch unter den Namen Benjamin Button, Mr. Smith oder Robert „Rusty“ Ryan bekannt. Richtig in den Köpfen des gemeinen Publikums blieb er jedoch als mutmaßliche Liebe des Lebens der Angelina Jolie, alias Mrs. Smith alias Lara Croft. Der aktuelle Status dieser tragischen Liebesbeziehung, die viele von uns seit geraumer Zeit unter Beteiligung mitfühlender Anteilnahme begleiten, ist wie folgt darzustellen:

Brad Pitt kämpft um seine Frau Angelina, die ihn nach einem Ausraster unter Alkohol- und Drogeneinfluss verlassen hatte. Frau Jolie fügt sich und kommt wieder angekrochen. Ende offen.

Auf der subjektiven Ebene würden die Beteiligten es wohl so ausdrücken:

Brad Pitt: “Ein Leben ohne dich ist möglich aber sinnlos. Ich liebe dich. Aber ich kann auch deine Bedenken verstehen. Ach, ach, ach. *seufz*” Dabei verspeist er genüsslich ein Reuben Sandwich und leckt sich alle Finger danach.

Angelina Jolie: “Es gibt uns nicht und es wird uns nie geben. Aber es war sehr wunderschön, als es uns gab.” Dabei macht sie große Kulleraugen und streicht sich mit einer Hand über ihre Brustprothesen.

Das ist die Sachlage. Und gestern träumte ich, ich bin Brad Pitt. Und so ging der Traum:

Ich saß in meinem Arbeitsstudio. Seit dem großen Krach war jetzt fast ein Jahr vergangen. Ich versuchte mich zu erinnern, was eigentlich vorgefallen war. Wir kamen von unserem Weingut Château Miraval an der Côte d’Azur. Ich hatte ein paar Gin Tonic zu viel getrunken und ärgerte mich über diesen geplanten Unsinns-Urlaub in Kroatien. Ich weiß noch, dass die Bar unseres Privatjets die besten Gins der Welt enthielt und wunderte mich darüber. Brooklyn Gin, Tanqueray Bloomsbury, Bulldog Gin, Gin Mare, alles dabei. Sogar The Duke aus Munich war dabei, einer meiner Lieblingsgins. Und dann das Tonic Water erst. 1724, Fentimans Tonic Water, Thomas Henry und Aqua Monaco, ich war begeistert. (Da hat sich in den Traum wohl des Autors Lieblingsseite über Gin, ginie.de, eingeschlichen.) Auf jeden Fall mischte sich Maddox dann ein. Ich schrie ihn an. Angie zuckte zusammen. Aber sie zuckt ja schon zusammen, wenn ich zu Shiloh von der gleichnamigen Ranch sage: „Iss deinen Teller auf und dann geh Zähne putzen.“ Furchtbar dieser Blick von Angie. Als würde ich wortwörtlich verlangen, dass Shiloh den Rosenthal Versace Teller mit aufessen solle. So ein Unsinn.

Ich versuchte mir einzureden, dass die Trennung das Beste sei. Freilich, die Kinder werde ich vermissen. Vor allem die Zwillinge Vivienne und Knox. Natürlich auch Maddox, Pax, Zahara und Shiloh. Meinem Leben wird es in Zukunft an einem gehörigen Maß der täglichen Dosis Kinderzärtlichkeit mangeln. Ich musste vor mir selbst zugeben, dass dies mein Leben wesentlich farbloser machen würde. Ich hatte zu konstatieren, dass mein Leben ruhmreich war, aber farblos. Ich bin ein Hollywoodstar, der vor der zweiten Scheidung steht. Naja, Angie lässt sich schon zum dritten Mal scheiden. Na und Mickey erst, Gott hab ihn selig. Acht Hochzeiten, acht Scheidungen. Genau wie Lana, Zsa Zsa, Elizabeth und Georgia.

Irgendwie war ich aber auch froh, dass es vorbei war. Angie ist schon ein ziemlich komplexer Charakter. Ganz anders als Jennifer. Die Heirat mit Angie war wohl doch ein Fehler und hat nicht dazu geführt, dass ich mich glücklich nennen konnte. Wahres Glück habe ich erst mit Jennifer kennengelernt. Es war die schönste Zeit meines Lebens.

Ich mixte mir einen Sipsmith London Dry Gin mit Fever Indian Tree Tonic Water. Der Gin schmeckt leicht nach Lakritze und die bitteren Aromen des Tonics sind gut mit den Zitrusaromen ausbalanciert. Ein wirklich süffiges Getränk. Aber zurück zu Jennifer. Was sollte ich jetzt tun? Ich konnte mich doch nicht rücksichtslos mit Jen versöhnen und meine Familie verlassen. Was sollte man von mir denken? Es würden Tränen fließen. Streit. Vorwürfe. Drama ohne Ende. Oh Gott. Furchtbar. Ich konnte das nicht.

Plötzlich klingelte das Telefon. Angie war am Apparat. “Hi Brad, es waren schwierige Monate”, sagte sie. “Mir ist klargeworden, dass wir zusammengehören. Es war eine sehr schwierige Zeit, aber wir werden diese Zeit überstehen und daraus als eine stärkere Familie hervorgehen. Wir sind eine Familie und werden immer eine sein. Machst du mit?”

„Ja.“, sagte ich kurz und knapp und legte wieder auf. Ach, ich weiß doch auch nicht. Ich bin eben schwach. Ich werde mein Kreuz tragen. Ob es die Angie mir danken wird? Vermutlich nicht. Es wird nur noch flüchtige Eheküsse auf die Wange geben und einmal im Jahr werden wir im Urlaub in Kroatien Sex haben. Ich werde mich in die Arbeit stürzen. Das ist das, was ich kann. Ich bin ein exzellenter Schauspieler. Was soll’s. Es gibt mir Befriedigung. Glück ist nichts für mich. Die Zeit mit Jennifer war wirklich wunderschön. Aber ich weiß nicht, wie man das konserviert. Und selbst wenn ich es wüsste, fehlte mir der Mut dazu. Ich werde ein unglückliches Leben führen. Es wird der Tag kommen, an dem ich es bereuen werde, meine Angst nicht überwunden zu haben. Davor graut mir. Oh Gott. Und jetzt weinte ich. Die Tränen flossen nur so dahin. Ich weinte Rotz und Wasser.

In diesem Moment wachte ich auf und war total erleichtert. Es war nur ein Traum. Puuh, Glück gehabt. Mein Gott, was für ein Albtraum. Ich hatte immer noch alles in der Hand. Ich war meines eigenen Glückes Schmied. Gleich heute würde ich eine Flasche Beefeater Crown Jewel Gin kaufen und Jennifer besuchen. Ob sie mich mit offenen Armen empfangen wird? Ich bekam schon wieder Angst. Aber es führte kein Weg daran vorbei. Ich liebe diese Frau. Sie ist so klug. So außergewöhnlich. Wir sind wie füreinander geschaffen. Und sie mag Gin. Ja.

Ich ging pfeifend ins Bad und setzte mich auf die Toilette. Und genau in dem Moment, als es plätscherte, fiel mir ein: Scheiße, ich bin ja gar nicht Brad Pitt.

Kurzgeschichte: Café Paradies

Es gibt in meinem Viertel ein Café, das scheinbar ausschließlich von Frauen besucht wird. Immer wenn ich daran vorbeikomme, sitzen draußen auf der Terrasse fast nur Frauen. Sie versammeln sich in Fünfergruppen oder sitzen zu zweit am Tisch und nippen an Rotweingläsern. Ich nenne es das Frauencafé “Paradies”, weil ich solche Ansammlung von hübschen Frauen mag und ich endlich den Ort gefunden zu haben glaube, an dem sich die Schönheiten meiner Stadt zusammenrotten, nur, um darauf zu warten, bis ich endlich vorbeikomme.

Ich komme natürlich täglich vorbei. Ich wäre ja blöd, wenn ich mir diese geballte Schönheit auf engstem Raum nicht täglich antun würde. Und es ist tatsächlich so, dass sich alle Blicke auf mich richten, wenn der Moment des Tages gekommen ist, an dem mich mein Weg am Paradies vorbeiführt. Anfangs machte mich das etwas unsicher. Ich schaute an meiner Kleidung herab, ob ich nicht wieder in Pantoffeln unterwegs war oder ob nicht irgendein Fleck auf dem T-Shirt den Ekel des persilversierten Geschlechts erregte. Aber da war nichts. Ich war gekämmt, rasiert und geduscht, wie man das eben so macht, wenn man zu heiligen Orten pilgert. Und doch, ich gebe zu, es sind selten freundliche Blicke, die sich auf mich heften. Vielmehr habe ich den Eindruck, als funkeln sie mich in einer Abwehrhaltung an, so, als wäre ich der Mörder von Alice Schwarzer. Sie reden weiter mit ihren Freundinnen und lassen sich durch mein Erscheinen nicht unterbrechen. Aber sie fixieren mich mit bewaffnetem Antlitz, so dass ich es nicht wage, stehen zu bleiben, weil ich befürchte, dann unbedingt und auf der Stelle getötet zu werden.

Es ist einzusehen, dass dies ein Zustand ist, der für mich nicht akzeptabel ist. Da kommt man nun schon mal an einem Ort vorbei, an dem eine weibliche Ästhetik vom Feinsten herrscht und dann geht diese überaus erfreuliche Konstellation mit Gefühlen einher, die wohl ausschließlich Menschen nachempfinden können, die knapp einer Hinrichtung entkommen sind.

Neulich engagierte ich eine Freundin, um mit ihr Hand in Hand an diesem Café vorbeizugehen. Ich versprach ihr dafür eine Portion meiner hausgemachten Penne arrabiata. Durch diese sehr kostbare Gegenleistung musste ich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich trotzdem den Anblick genieße, den die Evas dieser Welt mir stets bescheren. Und es war sehr erstaunlich. Plötzlich lächelten sie, unterbrachen das Gespräch mit ihren Freundinnen, verschluckten sich am Rotwein oder winkten mir sogar zu. Die Frau an meiner Seite ließ die Gefahr, die von mir auszugehen schien, im Keim ersticken und eine erfreuliche Entspanntheit machte mir den Genuss dieser holden Schönheiten noch genüsslicher. Ich überlege, ob ich demnächst noch einen draufsetzen sollte. Ich könnte meinen Kumpel Rolf engagieren und mit ihm Hand in Hand am Frauencafé “Paradies” vorbeigehen. Ob alle holden Schönheiten dann wohl meine Telefonnummer haben wollen würden, damit ich ihnen als Stilberater, Tröster oder Gesprächspartner bei delikaten femininen Themen zur Verfügung stehe? Ob sie dann wohl über mich herfallen würden, so, wie es ja auch sein sollte? 

Kurzgeschichte: Die Wurzel von Myrskylä

Guten Tag. Mein Name ist Seppo Pukkila. Sie werden mich nicht kennen, denn ich stehe in keinem Lexikon und keiner Siegerliste. Und doch glaube ich einen nicht geringen Beitrag für eine der größten sportlichen Heldentaten geleistet zu haben, die je ein Finne vollbrachte. Es sind manchmal die Kleinigkeiten, die Großes bewirken. Nur ein Satz vielleicht, so dahingeworfen, der tiefen Eindruck hinterlässt und den Wendepunkt in einem Prozess bedeutet, der sonst vielleicht ganz anders verlaufen wäre.

Bei mir war es mehr. Ich hatte einen ganz besonderen Einfluss auf die sportliche Karriere eines Mannes, dem ich damals, im Sommer 1970 in meiner Heimatstadt Myrskylä zum ersten Mal begegnete. Es war keine sehr erfreuliche Begegnung. Das kann ich Ihnen versichern. Aber das ist ja auch so ein Merkmal des Schicksals. Wirklich wichtige Dinge bedürfen manchmal eines unangenehmen Gefühls. Nur, damit überhaupt ein Gefühl da ist und eine Begegnung nicht in der Sackgasse der Belanglosigkeit endet.

In meinem Fall offenbarte sich die Unannehmlichkeit in Form eines Strafzettels wegen zu schnellen Fahrens. Es war der erste Strafzettel, den der blutjunge Polizist überhaupt verteilte, gestand er mir später. Er war ganz aufgeregt und noch etwas unbeholfen im Formulieren der für solch einen Vorfall üblichen Wendungen. Das machte ihn mir sympathisch. Ich gelobte Besserung und versprach, demnächst lieber schneller zu laufen als zu fahren.
„Das ist ein guter Vorsatz. Läufer sind nette Menschen. Bestimmt überall auf der Welt.“, lächelte er und wünschte mir eine gute Fahrt. Er sprach diese Worte ganz natürlich und mit einem gewissen Charme, der seine polizeiliche Förmlichkeit in eine fast spitzbübische Jungenhaftigkeit verwandelte. Seine Augen leuchteten dabei und ich war auf irgendeine Weise beeindruckt. Doch vorerst dachte ich nicht weiter darüber nach.
Nun war die Sache mit dem Laufen von mir ja nicht nur ein Lippenbekenntnis. Ich war knapp über dreißig und mein Bauch begann, lange Zeit von mir unbemerkt, sich über die Hüftknochen hinaus ausdehnen zu wollen. Ich musste etwas dagegen tun und lief jetzt schon zwei Wochen täglich eine Runde durch die Kiefernwälder von Myrskylä. Ich war stolz auf mich und mein Durchhaltevermögen. Zwei weitere Wochen später war ich vollends zufrieden mit meiner Figur. Ich lief aber weiter. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas hinge davon ab. Es waren nicht die Glücksgefühle, die sich regelmäßig dabei einstellten. Es war auch nicht die unglaublich schöne Ruhe der Natur, die ich jedes Mal sehr genoss. Es war etwas Undefinierbares. Etwas, was im Hintergrund wirkte, etwa so, wie die Naturgeister in den Wäldern meiner Heimat. Und so lief ich weiter meine tägliche Runde, guten Glaubens, zu passender Zeit diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Vier Wochen vergingen, in denen ich meine Leistung stetig steigern konnte, denn ich war inzwischen ehrgeizig und wollte die Fünfzigminutengrenze knacken, als mich eine Darminfektion außer Gefecht setzte. Drei Tage musste ich das Bett hüten und vier weitere war an Laufen nicht zu denken. Ich fühlte mich schwach und bewältigte lediglich die nötigsten Gänge zum Einkaufen. Wenigsten war ich am Wochenende so weit wieder hergestellt, dass ich an unserem alljährlichen Sportlerball teilnehmen konnte, auf dem die besten Sportler unserer kleinen Stadt für ihre erbrachten Leistungen geehrt wurden und manchmal kam es auch vor, dass der ein oder andere in die Nationalmannschaft berufen wurde. Ich staunte nicht schlecht, als auch an diesem Abend zwei junge Läufer aus Myrskylä in den erweiterten Olympiakader für die Sommerspiele 1972 in München berufen wurden. In einem von ihnen erkannte ich den jungen Polizisten wieder, dem ich gewissermaßen zu seinem beruflichen Einstieg verhalf.
„Meldezettel für Wettkämpfe auszufüllen, ist eine viel angenehmere Tätigkeit als Strafzettel, nicht wahr?“, sprach ich ihn nach der Ehrung an.
„Das stimmt. Vor allem, weil ich damit nur mich unglücklich machen kann. Ich kann nämlich schlecht verlieren.“
„Wie sehen Sie Ihre Chancen für die Olympiade?“
„Ich möchte natürlich gewinnen. Zurzeit kann ich leider wegen einer Darminfektion nicht trainieren. Das macht mir Sorgen.“
„Einer was?“
„Darminfektion. Wieso?“
„Ach, nur so.“
Ich war konsterniert. Ein Zufall? Vermutlich. Was sollte es sonst sein? So abwegig ist das Auftreten gerade dieser Krankheit bei zwei Menschen eines Zweitausendseelenstädtchens ja nun auch wieder nicht, versuchte ich mich zu beruhigen. Wir redeten noch eine Weile über die Tradition der „fliegenden Finnen“, begründet durch Läufer wie Hannes Kolehmainen, Paavo Nurmi und Ville Ritola. Dann verabschiedete er sich rasch, denn er war noch zu sehr indisponiert. Ich konnte ihn gut verstehen, denn mir ging es genauso.

In den folgenden Wochen sah mich der Waldboden jedoch wieder und ich kämpfte mich tapfer zurück zu meiner Leistungsgrenze. An einer bestimmten Stelle meiner Laufstrecke ragte eine Wurzel mitten auf dem Weg heraus, die meinen Lauffluss regelmäßig ins Stocken brachte. Ich hatte einen großen Respekt vor dieser natürlichen Hürde und machte fast ein Ritual daraus, lächelnd darüber zu hüpfen. Es war dies auch die Stelle, an der ich regelmäßig an meinen jungen Freund dachte. Es war seltsam, doch ich begann, die Wurzel zu grüßen, festen Glaubens, auch mein laufender Ordnungshüter trainiere wohl just in diesem Moment im Schweiße seines Angesichts in unserem kleinen Stadion von Myrskylä. Als ich ihm diese kleine Anekdote Jahre später einmal erzählte, erwiderte er:
„Stadien sind für die Zuschauer da. Wir Läufer haben die Natur und das ist viel besser. Ich habe ausschließlich im Wald trainiert. Die Ruhe der Natur schafft mentale Stärke.“ Nun, getroffen habe ich ihn nie, wenn ich mal von meiner Wurzel absehe.

Im August 1971 fanden in unserer Hauptstadt die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Es war der erste große internationale Wettkampf für meinen jungen Freund. Leider konnte ich aus beruflichen Gründen am Tage seines Wettkampfes nicht in Helsinki sein. Mehr noch, meine Zeit erlaubte es nicht einmal, meine gewohnte Myrskylä-Runde zu laufen. So lief ich an diesem Tag nur die halbe Strecke, um seinen Wettkampf im Fernsehen verfolgen zu können. Ich freute mich natürlich sehr über den Sieg meines Landsmannes Juha Väätäinen im 5000-Meterlauf, doch mein heimatlicher Schützling schaffte leider nicht den Sprung auf’s Treppchen und lief als Siebter ins Ziel. Ich war trotz dieses ansprechenden Debüts ein wenig enttäuscht und mich plagte das schlechte Gewissen. Ich war besessen von dem Gedanken, dass er besser abgeschnitten hätte, wenn auch ich meine gewohnte Runde absolviert hätte. Als dann ein paar Tage später der 10 000-Meterlauf auf dem Programm stand, hatte ich erneut die Entscheidung zu treffen, ihn läuferisch zu begleiten oder passiv im Fernsehsessel sitzend mitzufiebern. Juha Väätäinen siegte erneut und die Freude war groß. Muss ich den Wermutstropfen noch erwähnen? Der Polizist aus Myrskylä kam als Siebzehnter ins Ziel und von da ab konnte keine Macht mehr verhindern, dass ich bei entscheidenden Wettkämpfen zeitgleich meine Runde durch die Wälder von Myrskylä drehte. Der Erfolg gab mir recht. Bei den finnischen Landesmeisterschaften 1972, die gleichzeitig als Qualifikation für die Olympiade in München galt, siegte mein Eleve auf beiden Strecken. Ich war unglaublich stolz auf ihn. Oder auf mich? Ja, ein kleines bisschen auch auf mich, denn mein Geheimnis versetzte mich in die Lage, Einfluss auf die Resultate meines heimlichen Schülers zu nehmen. Freilich gab es immer wieder mal Momente, in denen ich an meinem Verstand zweifelte. Doch schlussendlich sagte ich mir, ein gut gemeinter Aberglaube ist immer noch besser, als tatenlos einer Niederlage beizuwohnen.

Dann kam der 3. September 1972. Auf dem Olympischen Programm stand das Finale im
10 000-Meterlauf. Als Favoriten galten der Brite Bedford, der Tunesier Gammoudi, der Äthiopier Yifter und der Belgier Puttemans. Mein Freund war krasser Außenseiter. Doch ich war gut vorbereitet. Ich hatte extra Urlaub genommen und verfehlte schon seit einigen Tagen meine persönliche Bestleistung nur knapp. Heute wollte ich endlich unter fünfzig Minuten laufen. Es sollte mein ganz persönlicher Beitrag für ihn und für die finnische Lauftradition werden. Zwanzig Minuten vor dem offiziellen Start lief ich los. So würde ich meinen Lauf in etwa zeitgleich mit ihm beenden. Ich fühlte mich gut und begann den wichtigsten Wettkampf auf meiner Laufbahn mit viel Optimismus in der Seele und noch mehr Sauerstoff im Blut. Ich passierte das kleine Birkenwäldchen, schwebte hinaus aus Myrskylä entlang am Ufer des Sees, ließ die Hügel links liegen und erreichte den federnden Waldboden, der meinem Lauf den nötigen Fluss gab. Ich genoss das wechselnde Farbenspiel der Bäume und hatte das Gefühl, dass sämtliche Naturgeister mich applaudierend am Wegesrand anfeuerten. Ich lief wie im Rausch und es passierte etwas, was mir nie wieder passieren sollte, doch gerade an diesem Tag empfand ich es als Katastrophe und schlechtes Omen. Als ich die ominöse Stelle mit der auf dem Weg herausragenden Wurzel erreichte, grüßte ich sie wie gewohnt, dachte wohlwollend an meinen Schützling und sprach ihm im Geiste Mut zu, verzichtete aber auf mein Ritual kurz innezuhalten und lächelnd darüber zu hüpfen, schließlich war an diesem Tag jede Sekunde kostbar. Doch was soll ich Ihnen sagen? Wie von einer Geisterhand gebremst, blieb ich mit dem linken Fuß an der Wurzel hängen und stürzte der Länge nach hin. Ich war geschockt und dachte für einen Augenblick: ‚Jetzt ist alles aus. Olympiasieger werden andere, nur nicht der, für den ich hier unterwegs bin.’ Doch dann erwachte der Kampfgeist in mir. Ich wollte unter fünfzig Minuten laufen. Es war doch noch zu schaffen. Und selbst, wenn nicht: vielleicht reichte es ja völlig aus ins Ziel zu kommen. Ich musste nur laufen, laufen, laufen. Ich tat es und erreichte völlig erschöpft die Ziellinie. Ja, ich sah mich im Olympiastadion von München unter tosendem Applaus die Ziellinie überqueren. Ich hatte gewonnen in neuer persönlicher Bestzeit von 49:56,5 Minuten. Mir traten die Tränen in die Augen. Es war, als würde ich plötzlich von einem riesigen Gefühlsball überrollt. Ein einziges Mal noch zweifelte ich an meinem Verstand und erwog, in den nächsten Tagen einen Arzt aufzusuchen. Doch als ich in der Nähe meines Hauses die kleine Holzbrücke überquerte, sah ich meine Nachbarn jubelnd und tanzend auf der Straße herumhüpfen. Mir war natürlich sofort klar, was dies bedeutete. Auch er hatte gewonnen. Das Glücksgefühl darüber ließ mich das Schimpfen meiner Nachbarn leicht ertragen, die mir mangelnden Nationalstolz vorwarfen, weil ich an einem solchen Tag belanglos durch die Gegend joggte. Mein gespielter Ärger darüber, dieses finnische Laufwunder verpasst zu haben, versöhnte sie jedoch rasch.

An diesem Abend sah ich noch viele Male die Aufzeichnung des Rennens im Fernsehen. Es überraschte mich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, dass die Dramaturgie seines Rennens eine Kopie meines eigenen Laufes war. In der zwölften Runde kollidierte mein Held mit einem Amerikaner und stürzte, wobei er den Tunesier Gammoudi mit sich zu Boden riss. Doch während dieser verzweifelt auf der Tartanbahn zurückblieb, sprang mein junger Polizist umgehend auf die Füße und kämpfte sich innerhalb einer halben Runde wieder an die Spitzengruppe heran. In zweiter Position laufend, zog er etwa 600 Meter vor dem Ziel den Spurt an und siegte in neuer Weltrekordzeit. Lassen Sie mich diesen Satz noch einmal wiederholen! Er siegte in neuer Weltrekordzeit. Sie werden verstehen, dass ich nun nicht den geringsten Zweifel mehr darüber hegte, welchen Einfluss ich auf das Abschneiden meines Schützlings nehmen konnte. Ich freute mich fast diebisch auf seinen zweiten Start bei dieser Olympiade. Zehn Tage später hieß es erneut: „Bitte die Plätze einnehmen!“, woraufhin ein Pistolenschuss eine Meute von etwa zwanzig Männern das Münchner Stadionrund zwölfeinhalb Mal durchlaufen ließ. Ich bekam von alledem natürlich nichts mit, denn meine Olympiastätte war der Wald von Myrskylä. Mein Lauf war an diesem Tag unspektakulär. Ich kehrte zu meinem Ritual zurück, die Wurzel lächelnd und leichtfüßig zu überhüpfen und erreichte das Ziel zwar nicht in neuer Rekordzeit, aber doch wieder unter fünfzig Minuten. Der Jubelrausch des Waldes versicherte mir, dass auch mein Held wieder als Erster ins Ziel kam. Doppelolympiasieger auf beiden Langdistanzen zu werden, haben nicht viele Menschen auf der Welt geschafft. Es ist dies eine Leistung, die vor ihm nur das finnische Laufwunder Paovo Nurmi, Emil Zatopek, die Dampflok aus Prag und der Rotarmist Wladimir Kuz vollbrachten. Ich war, wie übrigens alle Einwohner von Myrskylä im Besonderen und ganz Finnlands im Allgemeinen, sehr stolz auf meinen Schützling. Bei seiner Rückkehr wurde ihm zu Ehren ein rauschendes Fest gefeiert, das drei Tage lang ganz Myrskylä in Atem hielt. Eine Büste von ihm überragt nun unseren kleinen See und ein jährlich stattfindender Laufwettbewerb durch die Wälder von Myrskylä erhielt seinen Namen.

Vier Jahre später bildeten wir bei den Olympischen Spielen in Montreal wieder ein, wenn auch imaginäres, Dreamteam. Ich lief am Tag seines ersten Sieges das erste Mal schneller als vierzig Minuten und konnte diese Leistung, wenige Tage später zum Start seines zweiten Rennens, noch einmal abrufen. Auch an diesem Tag wurde mein Freund Olympiasieger und schaffte somit etwas, was noch nie zuvor ein Mensch erreicht hatte: doppelter Doppelolympiasieger auf beiden Langlaufstrecken zu werden.

Ich war gespannt, wie lange diese Symbiose zwischen mir und meinem heimatlichen Ordnungshüter noch gut gehen würde und bereitete mich akribisch darauf vor, meinen persönlichen Rekord zu den Olympischen Spielen 1980 in Moskau auf unter fünfunddreißig Minuten zu drücken. Doch eine Darminfektion setzte mich jäh außer Gefecht. Und so endete eine außergewöhnliche sportliche Karriere mit einem fünften Platz im Olympiafinale über 10 000 Meter. Den Marathonlauf musste mein Freund leider wegen einer Darminfektion vorzeitig beenden. Sein Rücktritt vom Leistungssport bedeutete auch das Ende meiner Läuferkarriere, denn ich bin seither nie wieder lächelnd und leichtfüßig über meine Wurzel gehüpft.